Der Kohlendioxid-Mann

Als ich den Zeitungsladen in der Innenstadt betrat, traf ich auf eine leidenschaftlich klingende Rede. Der Mann Ende vierzig sprach über CO2-Emissionen, Statistiken und Vorschriften, das Tesla-Auto wurde erwähnt. Meine Gedanken wanderten kurz ab, dieser Mann hätte wahrscheinlich viele der Fragen die mein Sohn erst gestern gestellt hatte, beantworten können. Wenn ich eine Vermutung über seinen Beruf anstellen müsste, bloß aufgrund seines Aussehens und der Aura um ihn herum, so hätte ich ihn als einen Architekten oder vielleicht einen Ingenieur eingeschätzt.
Es waren zwei Frauen im Laden, die Zeitungshändlerin, die immer wieder sprachliche Äquivalente eines Nickens von sich gab, und eine andere Kundin, die beherrscht wirkte.

Sowie der Mann den Laden verließ seufzten beide Frauen, eine von ihnen, die Kundin, hob fassungslos die Augenbrauen sowie ihre Hände. Sie wies vor sich hin, ich solle vorgehen, ich schätze, sie brauchte noch einen Moment. Ich war verwirrt. "Was ist passiert?", fragte ich. Ich habe offensichtlich etwas verpasst. Was ich gesehen und gehört habe, als der Mann noch da war, rechtfertigte kein Augenrollen oder Augenbrauenhochziehen.

Die Kundin warf mir einen Frag-nicht-Blick zu und die Zeitungshändlerin fügte hinzu: "Er hat jetzt ungefähr 15 Minuten lang geredet, über Autos und Emissionen und was weiß ich."

Offensichtlich hörte sie ihm nicht wirklich zu, sondern ließ ihn in brennender Erwartung seines Aufbruchs reden. Die Frauen sahen sich kopfschüttelnd an. Was für ein rücksichtsloser Mesch, beide waren sich einig.

 

Ich war keine fünfzehn Minuten lang da, vielleicht hätte das einen Unterschied ausgemacht, aber er machte keinen Eindruck eines Verrückten noch war er einer dieser traurigen Wanderer, die willkürlich Gespräche mit jedem anfangen, der zuhört. Er hörte sich an, als wüsste er, wovon er sprach, es war sogar interessant, und es tat mir leid, dass ich zu spät kam. Für die beiden war er jedoch eine rücksichtslose Belästigung.

War er auf einer Mission? Oder verarbeitete er Dinge nur verbal, während er sie verdaute? War er so einsam, mit einer Zeitungshändlerin ein Gespräch anzuzetteln? Andererseits war es anscheinend nicht einmal ein Gespräch, sondern ein Monolog, was eher auf einen Mann mit einer Mission hindeutet. Oder auf einen Wahnsinnigen.

Warte mal. Wir haben doch schon einen Platz dafür, einen Platz für willkürliche Plaudereien. Ist das nicht was für soziale Medien? Da kann man über Dinge sprechen, die jemanden oder niemanden interessieren. Man kann mit der Luft sprechen und gar kein Feedback erhalten. Vielleicht bekommt man ein paar mit einem freundlichen Kopfnicken vergleichbare Likes.

Was ist mit diesem Text hier? Ist dies auch bloß eine willkürliche Plauderei, nur ohne jegliche Rückmeldung, nicht einmal so wenig wie ein Kopfnicken?

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